Vor zwei Jahren habe ich einen langen Artikel über Apple Intelligence geschrieben. Damals hat Apple eine neue, persönliche Siri angekündigt. Heute, zwei Jahre später, zeigen sie endlich, was sie damals nur versprochen haben.

Und ich darf es nicht benutzen.

Apple Intelligence erklärt: Von ‘Hey Siri’ zu ‘Holy Moly’
Was zum Apfel ist Apple Intelligence?

Die News selbst kennst du vielleicht schon. Siri AI kann jetzt mehr, sieht anders aus, ist eine eigene App. Die Feature-Listen stehen auf jeder Tech-Seite, rauf und runter berichtet. Ich will hier was anderes machen. Nicht nachzählen, was neu ist, das können andere besser. Ich will einordnen, was es bedeutet. Und warum die interessanteste Entscheidung, die Apple getroffen hat, mit Siris neuen Tricks fast nichts zu tun hat.

„Siri-AI ist schwächer... Aber sie hat dich.“ Mann am Smartphone zeigt den Vorteil persönlicher KI-Daten.

Was Siri AI jetzt wirklich kann

Kurz für alle, die zum ersten Mal genauer hinschauen. Es gibt zwei Begriffe, die ständig durcheinandergeraten.

  • Apple Intelligence ist der Motor unter der Haube, also die KI, die rechnet.
  • Siri ist das Lenkrad, das du anfasst und mit dem du redest.

Der Motor war schon eine Weile da. Was jetzt kommt, ist das Lenkrad, das endlich funktioniert.

Der eigentliche Unterschied liegt aber woanders. Zum ersten Mal darf Siri AI in deine eigenen Sachen schauen, um dir damit zu antworten. In deine Nachrichten, Mails, Notizen, deinen Kalender, deine Fotos. Dass sie dabei auch flüssiger klingt, ist fast nebensächlich.

Ein paar Beispiele, was das heißt:

  • Du fragst, wann der Termin heute Abend ist, und Siri AI findet die Uhrzeit in einer Nachricht von letzter Woche, die du längst vergessen hast
  • Du brauchst die Bestätigungsnummer fürs Hotel, und sie zieht sie aus einer alten Mail, ohne dass du selbst dich zu Tode scrollst
  • Du willst die Fotos von der einen Reise, und sie versteht, welche Reise du meinst

Wichtig dabei, gerade wenn du auf Datenschutz achtest

Das meiste passiert direkt auf deinem Gerät. Und wenn doch mehr Rechenpower nötig ist, schickt Apple nach eigener Aussage so wenig wie möglich in die Cloud, rechnet die Antwort und löscht die Spur danach wieder. Kein Profil, keine Akte über dich.

iPhone-Screen zeigt Siri AI beim app-übergreifenden Suchen in persönlichen Fotos und Texten, inklusive Cricket-Ball Infos.

In meinem alten Artikel über Apple Intelligence hab ich mir gewünscht, ich könnte einfach sagen: „Hey Siri, plane meinen Trip nach Athen.” Zwei Jahre später geht das in etwa. Sie findet die Hotelmail, kennt den Termin, weiß, welche Fotos dazugehören. Klingt klein. Ist es nicht. Denn genau hier liegt der ganze Plan.

Als KI-Chatbot ist Siri AI den anderen nämlich unterlegen. ChatGPT und Gemini sind schlauer, reden flüssiger, wissen mehr über die Welt.

Aber sie wissen nichts über dich. Sie haben deine Mails nicht, deine Nachrichten nicht, deine Fotos nicht. Genau das hat Apple. Und genau darauf wetten sie.

Der Trick mit Google Gemini

Auf der Bühne sagt Apple: mit Google nichts am Hut. Auf der Rechnung steht rund eine Milliarde Dollar im Jahr.

Apple stand auf der Bühne und hat sehr deutlich gemacht: Mit Googles KI Gemini haben wir nichts am Hut. Sinngemäß sagte Craig Federighi, der Anteil von Google an Siri AI sei genau null.

Das stimmt nur halb. Berichten zufolge zahlt Apple, Google rund eine Milliarde im Jahr. Das stärkste KI-Modell hinter Siri AI wurde mit Googles Hilfe gebaut und läuft auf Nvidia-Chips in Googles Cloud. Auf der Bühne klingt das wie: Google? Nie im Leben. Auf der Rechnung steht: rund eine Milliarde im Jahr.

Und trotzdem, jetzt komme ich Apple zur Hilfe, steckt hinter der Abgrenzung etwas Echtes.

Was an ihr stimmt:

  • Die Art, wie Apple mit deinen Daten umgeht, ist tatsächlich ihre eigene und funktioniert anders als bei den großen Werbe-Konzernen
  • Deine Daten bleiben so weit es geht auf dem Gerät, und was doch raus muss, wird klein gehalten und danach gelöscht

Was sie verschweigt:

  • Das klügste KI-Modell hinter Siri AI kommt nicht ohne Google aus
  • Und Apple bezahlt dafür ordentlich
a blurry photo of a colorful object

Der Punkt dahinter ist größer als das Wortgeplänkel. Apple gibt für Künstliche Intelligenz einen Bruchteil von dem aus, was die anderen verbrennen. Google, Amazon, Microsoft und Meta stecken dieses Jahr zusammen über 700 Milliarden Dollar in ihre KI-Infrastruktur. Apple liegt bei einem niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag. Sie versuchen gar nicht erst, das schlauste Gehirn der Welt zu bauen.

Stattdessen halten sie bewusst klein, was sie anbieten. Dir fällt das auf, wenn du die Apple-Demos anschaust: Am Ende läuft fast jede darauf hinaus, dass du eine Reise oder eine Party planst. Bei Google endet dagegen jede KI-Demo in einem Kauf. Das ist kein Zufall.

Google würde das alte App-Modell gern aufbrechen, Apple lebt zu gut davon, um es anzutasten.

Klingt das nach einem durchdachten Masterplan? Ob Apple das alles so klug eingefädelt hat oder einfach Glück hatte, dass ihre alte Privatsphäre-Predigt plötzlich zum Verkaufsargument taugt, weiß ich auch nicht. Vermutlich ein bisschen von beidem.

Aber die Wette steht. Wer deine Daten hat, gewinnt das Rennen. Die schlauste künstliche Intelligenz zu bauen, zählt am Ende weniger, als alle denken. Das ist die eigentliche Geschichte. Die neue Animation, wenn du „Hey Siri” sagst, ist Nebensache.

Was das für uns in Europa heißt

Diese neue Siri AI kommt vorerst nicht auf iPhones und iPads in der EU. Kein Datum, kein „demnächst“. Der Grund ist der Digital Markets Act, das europäische Wettbewerbsgesetz für die ganz großen Plattformen.

Das Komische daran: Vor zwei Jahren habe ich in genau diesem Zusammenhang geschrieben, dass wir in Europa erstmal zuschauen, wegen des DMA. Zwei Jahre später ist die Lage dieselbe. Nur lauter.

Beide Seiten haben einen Punkt, und ich versuche fair zu bleiben.

  • Apple sagt: Wenn wir jeder beliebigen KI denselben tiefen Zugriff auf deine Nachrichten, Dateien und Aktionen geben müssten wie unserer eigenen Siri AI, ist das ein echtes Sicherheitsrisiko. Das ist nicht gelogen, dieser Zugriff ist eine weit offene Tür.
  • Die EU sagt: Apple kontrolliert das iPhone. Wer dort seine eigene künstliche Intelligenz startet, muss konkurrierende KI-Assistenten zu gleichen Bedingungen zulassen, sonst gewinnt Apples Siri AI allein durch den Heimvorteil. Apple wollte sich von dieser Pflicht anderthalb Jahre lang befreien. Brüssel lehnte ab und sagt: Niemand verbietet Apple den Start. Apple hat sich selbst dagegen entschieden.
  • Ich sage: Was die neue Siri AI magisch macht, ist exakt das, worum Apple und Brüssel gerade so erbittert streiten: dich.

Wer am Ende recht hat, ändert für dich wenig. Das Ergebnis bleibt dasselbe. Auf dem Gerät, das du am meisten benutzt, bekommst du die schwächste Siri-Assistentin. Auf dem Mac und der Vision Pro läuft sie in Europa, auf dem iPhone nicht. Und mit jedem Monat wird der Abstand zu denen, die sie längst nutzen, ein Stück größer. Ich mache gern Witze, aber daran finde ich offen gesagt nichts Lustiges. Es nervt einfach.

Trotzdem lohnt der Schritt zurück. Wir nennen das iPhone das sicherste Smartphone der Welt und laden als Erstes Instagram, YouTube und drei Google-Apps drauf. Dann wundern wir uns, dass die Werbung uns so unheimlich gut kennt. Dein iPhone hört dich übrigens nicht heimlich ab, dieser Mythos hält sich hartnäckig. Die Wahrheit ist unbequemer. Sie brauchen kein Mikrofon. Apps wie Insta, Facebook und TikTok sehen, was du anschaust, wo du beim Scrollen hängenbleibst, was du sofort wegwischst.

Instagram App-Icon auf einem iPhone, als Beispiel für Social-Media-Apps, die Nutzerverhalten und Daten aufzeichnen.

Das, was die neue Siri AI magisch macht, dieser tiefe Blick in deine Daten, ist genau das, worüber Apple und Brüssel gerade streiten. Die Magie und das Risiko sind dieselbe Tür. Wer sie aufmacht, dem vertraust du dein halbes Leben an. Die Frage ist nur, wer entscheiden darf, wie weit sie aufgeht. Apple, das sein eigenes System bis ins Detail kennt? Oder ein Gesetzgeber, der von außen festlegt, was sicher genug ist?

Vielleicht ist „wir halten die KI zurück“ für ein paar hundert Millionen Menschen am Ende Schutz. Vielleicht ist es nur eine andere Art von Käfig. Ich weiß es offen gesagt nicht. Aber ich weiß, dass ich die Antwort auf meinem eigenen iPhone gerade nicht selbst herausfinden darf.

Studio Christos

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