Europa 2031: Eine dreiteilige Serie
über KI-Souveränität.
Teil 1: Die Diagnose
Es gibt diese Texte über künstliche Intelligenz, bei denen man nach zwei Absätzen weiß, wie sie ausgehen. Entweder rettet die KI die Welt, oder sie frisst uns. Ich lese sie trotzdem, weil in jedem eine Annahme steckt, die jemand für selbstverständlich hält.
Bei Europa 2031 bin ich hängengeblieben. Bis zum Ende.

Was Europa 2031 ist
Stell dir eine Simulation vor, wie sie selbstfahrende Autos durchlaufen, bevor sie auf echte Straßen dürfen. Man baut eine Lage, spielt sie durch, schaut, wo es kracht. Nur hat das hier jemand als Roman aufgeschrieben. Achtzehntausend Wörter, im Juni 2026 veröffentlicht von einer kleinen Gruppe aus Forschern, Politikberatern und Investoren. Nach eigener Aussage ohne Geld aus der KI-Industrie. Vorbild war ein US-Szenario namens „AI 2027“. Kein Lobby-Pamphlet also. Eher ein Gedankenexperiment mit echter Recherche dahinter.
Erzählt wird über zwei erfundene Figuren:
- Caroline Dubois, Französin, arbeitet in Brüssel in der Handelsabteilung der EU-Kommission.
- Und Christian Vogt, deutscher Gründer, der sein KI-Startup nach Kalifornien verlegt hat, weil es hier in Europa nicht ging.
Die Handlung läuft bis März 2031. Am Ende steht Europa vor drei Türen:
- unter dem Schutz der USA, aber ohne echte Eigenständigkeit
- Anlehnung an China
- oder langsam verschwinden.

Kein Untergang, ein Gedankenexperiment
Klingt nach Science-Fiction. Ist es auch. Und trotzdem war es nicht das erfundene 2031, das mich beschäftigt. Es war das erste Kapitel. Es heißt „Wie Europa hierher kam". Da ist nichts erfunden. Das sind die letzten achtzehn Monate IRL.
Ach ja. Gelesen habe ich das in einem amerikanischen Browser. Auf einem Rechner mit Chips aus Taiwan.
Ich bin nicht der Typ für Geopolitik. Ich baue Sachen und berate Unternehmen, seit 17 Jahren an der Schnittstelle von Design, Technik und Business. Mein Job lässt sich in einem Satz sagen: Ich vereinfache Kompliziertes. Ich übersetze zwischen Leuten, die nicht dieselbe Sprache sprechen.
Genau so lese ich diese Geschichte. Als Frage an jemanden, der mit KI jeden Tag arbeitet: Wie viel Spielraum haben wir hier in Europa eigentlich noch?
Und dann ist da dieses Wort, das in jeder dieser Debatten auftaucht. KI-Souveränität. Klingt nach Behördendeutsch, meint aber etwas Einfaches: Wie viel Kontrolle hat ein Land über Künstliche Intelligenz, mit der es arbeitet? Über die KI-Modelle, über die Rechner, auf denen sie laufen, über die Regeln dazu. Wer nichts davon in der Hand hält, ist auf das Wohlwollen anderer angewiesen. So weit, so klar. Und trotzdem verstehen die meisten dieses Wort falsch. Dazu komme ich gleich.
Das hier ist Teil 1 von 3. Heute die Diagnose, wo Europa bei KI wirklich steht. Ohne Hype, ohne Untergang. Nur das, was stimmt, und was daraus folgt.
Rechenleistung, Strom, Geld
Erst die unangenehme Sache mit den Zahlen.
Wenn über Künstliche Intelligenz geredet wird, reden alle über KI-Modelle. ChatGPT, Claude, das neueste Ding. Aber KI-Modelle sind nur die Spitze. Darunter liegt etwas Langweiligeres und viel Wichtigeres: Rechenleistung. Die Chips, die Rechenzentren, der Strom dafür. Das ist der Boden, auf dem das alles steht.
Und auf diesem Boden sieht es so aus: Die USA halten ungefähr drei Viertel der weltweiten KI-Rechenleistung. Europa liegt unter fünf Prozent. Das sind keine Aktivisten-Zahlen, die kommen vom Forschungsinstitut Epoch AI, das genau so etwas misst.
Lass das kurz sacken. Drei Viertel gegen unter fünf Prozent.

Noch greifbarer wird es beim Strom. Das größte KI-Rechenzentrum der USA zieht so viel wie eine Großstadt, rund 1.250 Megawatt. Das größte in Europa kommt auf 83 Megawatt. Rückstand ist dafür fast das falsche Wort. Das ist eine andere Liga.
Stell es dir wie ein Restaurant vor. Europa hat ein paar gute Köche, Mistral aus Paris zum Beispiel. Aber die Küche, das Gebäude und den Strom mieten wir bei einem einzigen Vermieter. Der sitzt in Kalifornien. Solange er gute Laune hat, läuft alles. Die Frage ist nur, was passiert, wenn er die Miete ändert. Oder kündigt.
Beim Geld dasselbe Bild, nur greller. Europa hat groß angekündigt: 200 Milliarden Euro für KI, „InvestAI“ heißt das. Klingt nach unfassbar viel. Bis du hörst, dass eine Handvoll US-Konzerne solche Summen pro Jahr in ihre KI-Infrastruktur steckt, während das europäische Paket über viele Jahre gestreckt ist. Im Ankündigen sind wir in der EU Weltklasse. Beim Bauen wird es schwieriger.
Beim Wagniskapital sieht es kaum besser aus. Von jedem Dollar, der weltweit in KI-Startups fließt, landen rund drei Viertel in den USA. In Europa sind es ein paar Prozent.
Arthur Mensch, der Chef von Mistral und damit der einzige ernstzunehmende europäische KI-Bauer, hat es im Frühjahr drastisch gesagt: Ohne eigene Infrastruktur werde Europa zum „Vasallenstaat“. Harte Worte. Aber der Punkt dahinter ist nüchtern. Wer alles importiert, hat kein Druckmittel.
Und hier wird die ausgedachte Geschichte von Europe 2031 unbequem. Ihr erstes Kapitel ist im Grunde eine Liste von Dingen, die wirklich passiert sind:
- Januar 2025: Das chinesische Modell DeepSeek taucht auf und wirkt fast gratis. Europa atmet auf, aufholen ist also billig. Falscher Schluss.
- Februar 2025: Beim KI-Gipfel in Paris wird InvestAI verkündet. Am selben Pult kanzelt der US-Vizepräsident Europa in einer Rede ab.
- Sommer 2025: GPT-5 enttäuscht viele. Sofort heißt es, die ganze KI sei eine Blase. Auch ein bequemer Schluss.
- Herbst 2025: Mistral holt sich frisches Geld. Größter Geldgeber ist nicht ein Tech-Konzern, sondern ASML, der niederländische Hersteller der Maschinen, mit denen Chips gefertigt werden.
Nichts davon ist erfunden. Die Geschichte erzählt uns die Gegenwart und tut nur so, als wäre sie eine Warnung vor der Zukunft.
Moment. Bevor das hier kippt in „wir sind verloren“: Ich kaufe der Geschichte nicht alles ab. Es ist Fiktion, und Fiktion ist immer ein bisschen geschummelt. Du schreibst rückwärts vom Untergang und biegst dir die Handlung passend zurecht. Der dramatische Höhepunkt hängt ausgerechnet an ASML, dem angeblich großen Hebel Europas. Nur hat einer der Autoren selbst eingeräumt, dass ASML als Druckmittel wohl überschätzt wird. Wenn der Knaller im eigenen Plot wackelt, ist Vorsicht angebracht. Untergangstexte über KI sind gerade ein eigenes Genre geworden. Und Genres verkaufen sich.
Wo die Skeptiker recht haben
Es gibt kluge Leute, die sagen: Die ganze Souveränitäts-Aufregung ist übertrieben. Und ihr bestes Argument muss man ernst nehmen, sonst macht man es sich zu leicht.
Zwei Ökonomen, die unter dem Namen Silicon Continent über Europa und KI schreiben, bringen es auf den Punkt. Sinngemäß:
- Bei KI gewinnt der Erste fast alles. Der Zweite verdient kaum etwas. Mistrals Umsatz liegt bei unter 1 % von dem, was die US-Spitze macht. Aufholen durch Abschottung funktioniert da nicht.
- Abhängigkeit ist nicht automatisch eine Katastrophe. Europa hängt seit Jahrzehnten an amerikanischer Software, an Windows, an Office. Das hat erstaunlich gut funktioniert.
- Der wirksamste Hebel ist nicht Brüssel, sondern national. Die Niederlande könnten die Bauregeln lockern, die ASML ausbremsen. Deutschland könnte seinen Strom billiger machen.

Ich baue hier kein Strohmann-Argument auf. Das Argument ist echt, und es sitzt. An einer Stelle haben sie sogar völlig recht: Ein europäisches ChatGPT zu bauen, nur damit es ein europäisches ist, und dafür ein schlechteres Produkt zu akzeptieren, das ist Trotz mit Steuergeld.
Aber das Argument beweist zu viel. Von Office abhängig zu sein und von der Schicht abhängig zu sein, die bald deine halbe Wirtschaft steuert, ist nicht dasselbe. Office macht Folien. Die KI-Schicht entscheidet irgendwann mit, wie Behörden arbeiten, wie Banken Kredite prüfen, wie Schulen unterrichten. Wer den Boden kontrolliert, kontrolliert am Ende mehr als ein einzelnes Programm. Das ist meine These, und ich glaube, sie hält.
Nein sagen können
Und damit zu dem Wort, das ich am Anfang aufgeschoben habe. Souveränität.
Die meisten hören das und denken: selber bauen. Eigenes LLM-Modell, eigene Cloud, alles aus Europa. Das ist die Falle.
- Denn erstens ist „alles selbst“ mit unter 5 % der Rechenleistung in den nächsten Jahren nicht realistisch.
- Und zweitens, da haben die Skeptiker recht, führt dieser Ansatz oft zu schlechteren Produkten, die am Ende keiner nutzt.
Souveränität ist Spielraum. Druckmittel. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ohne dass das Licht ausgeht. Mit Selbstversorgung hat das erstaunlich wenig zu tun. Ein kleines Land mit einem Werkzeug, das alle brauchen, ist souveräner als ein großes Land ohne.
Und ironischerweise hat Europa so ein Werkzeug. Es heißt ASML. Diese eine Firma in den Niederlanden baut Maschinen, ohne die weltweit niemand Spitzenchips fertigen kann. Wie viel Kraft in diesem Werkzeug wirklich steckt, darüber streiten die Klugen, sogar im Szenario 2031 selbst. Aber es ist da. Und es ist mehr, als die meisten Länder haben.
Mir ist beim Schreiben aufgefallen, wie sehr das auch eine Frage an mich selbst ist. Ich berate Unternehmen, die ihre komplette KI-Nutzung auf zwei, drei amerikanische Anbieter stützen. Ich selbst auch. Wir reden über die Abhängigkeit ganzer Volkswirtschaften, dabei fängt sie ganz unten an, in meinem Werkzeugkasten, in deinem. Du liest das hier vermutlich auch auf amerikanischer Infrastruktur.
Die Diagnose steht also. Die ausgedachte Geschichte von Europa 2031 ist an den Rändern wacklig. Die Abhängigkeit darunter ist es nicht.
Wenn Abhängigkeit nicht automatisch der Untergang ist, und Selberbauen nicht realistisch, dann geht es um etwas ganz anderes als ein europäisches ChatGPT. Dann geht es darum, wo Europa etwas in der Hand hält, das andere brauchen. Und diese Frage stellt gerade fast niemand.
Genau darum geht es im zweiten Teil.
Studio Christos
