Schon wieder ein neues KI-Tool. Schon wieder ein GitHub-Repo, das alle feiern. Schon wieder jemand, der behauptet, das sei der nächste große Moment. Ich hab den Namen Ende Januar 2026 in meinem LinkedIn-Feed gesehen und offen gesagt? Mein erster Reflex war Augenrollen. Mein zweiter: Verwirrung. Weil das Ding je nach Tag anders hieß.
Erst Clawd – eine Anspielung auf Anthropics KI-Modell Claude, nur mit W wie in Lobster-Klaue. Dann Clawdbot. Dann Moltbot, weil Anthropics Anwälte höflich nachfragten, ob man den Namen nicht vielleicht ändern könnte. Und schließlich OpenClaw. Drei Umbenennungen in einer Woche. Für ein Open-Source-Projekt ist das entweder ein Desaster oder ein Soapopera-Drehbuch. Vermutlich beides.

Dann hab ich verstanden, was das Ding kann. Und der Name war plötzlich egal.
Und hier sitze ich, ein paar Wochen später, und versuche das einzuordnen. Nicht als jemand, der sofort alles durchschaut hat. Sondern als jemand, der seit 2022 jeden Tag mit künstlicher Intelligenz arbeitet und trotzdem überrascht wurde.
Was das Augenrollen beendet hat
OpenClaw ist kein Chatbot. Das ist der Satz, an dem alles hängt. Kein Fenster, in das du eine Frage tippst und eine Antwort bekommst. OpenClaw ist ein KI-Agent – ein persönlicher KI-Assistent, der auf deinem Computer lebt, Zugriff auf deine Daten hat (wenn du es erlaubst) und Dinge für dich erledigt. Nicht antwortet. Erledigt.
Der Unterschied klingt klein. Ist er nicht.
Stell dir vor, du schickst deinem Assistenten eine WhatsApp-Nachricht: „Finde heraus, ob ich Donnerstag Zeit habe, und wenn ja, buche mir einen Tisch bei dem Italiener, den ich letztes Mal gut fand." Und dann passiert das einfach.
Das ist die Idee hinter OpenClaw, einem Open-Source-Projekt, das mittlerweile über 190.000 GitHub-Stars hat – das schnellstwachsende Repository in der Geschichte der Plattform. 100.000 Stars in zwei Tagen. Selbst Schwergewichte wie React oder Linux brauchten deutlich mehr Zeit, um eine vergleichbare Sichtbarkeit zu erzielen.
Und wer steckt dahinter? Kein Silicon-Valley-Startup. Kein Milliarden-Budget. Peter Steinberger, ein österreichischer Entwickler, der vorher 13 Jahre lang PSPDFKit gebaut hat – eine Software, die PDF-Dokumente in Apps anzeigt und bearbeitet, heute auf einer Milliarde Geräten im Einsatz. Der Mann hat danach drei Jahre Pause gemacht, die Freude am Programmieren verloren, sie wiedergefunden – und dann in einer Stunde den ersten Prototypen zusammengebaut.
Ich weiß. Klingt nach einer dieser Silicon-Valley-Gründer-Storys, die immer gleich enden. Aber Steinberger ist Europäer. Open Source. Kein Venture Capital. Das macht die Geschichte für mich anders.

KI-Agent OpenClaw erklärt
Aber was genau kann OpenClaw als KI-Agent? Und warum reden wir in drei Monaten nicht alle über etwas anderes?
Was OpenClaw von einem Chatbot unterscheidet:
- Es lebt auf deinem Rechner, nicht in einer Cloud – deine Daten bleiben bei dir
- Es kommuniziert über WhatsApp, Telegram, Signal, Slack, iMessage – dort, wo du sowieso bist
- Es nutzt jedes KI-Modell, das du willst – Claude Opus, GPT Codex, was auch immer
- Es lernt aus dem Kontext deiner Daten und wird mit der Zeit nützlicher
- Es ist Open Source – jeder kann reinschauen, mitbauen, verändern
Und hier ist der Moment, der mich wirklich erwischt hat: Steinberger war in Marrakesch, Geburtstagstrip mit Freunden, und schickte seinem Agenten eine Sprachnachricht über WhatsApp. Einfach so, aus Gewohnheit. Das Problem? Er hatte gar keinen Sprach-Support eingebaut. Der Agent hat trotzdem geantwortet. Er hatte das Audioformat eigenständig erkannt, die Datei konvertiert, einen API-Key gefunden und das Ganze über eine externe Schnittstelle transkribiert.
Niemand hatte ihm das beigebracht. Er hat es einfach gelöst.
Vielleicht bin ich leicht zu beeindrucken. Aber als jemand, der seit 2009 UX-Interfaces baut und Nutzererfahrungen gestaltet – das ist ein qualitativer Sprung. Nicht nur von Frage-Antwort zu Handlung. Sondern von "Ich führe aus, was du sagst" zu "Ich finde selbst raus, wie".
Was ich noch nicht weiß
Ist OpenClaw perfekt? Keine Ahnung. Vermutlich nicht. Die Sicherheitsfragen sind real, das Setup ist nichts für Leute, die nicht wissen, was ein Terminal ist, und ob das in sechs Monaten noch so gehyped wird, kann niemand sagen.
Was ich weiß: Künstliche Intelligenz hat gerade einen Schritt gemacht, der sich anders anfühlt als die letzten. Nicht besser antworten. Sondern handeln. Und das verändert, was wir unter „KI nutzen" überhaupt verstehen.
Ich lerne gerade mit. Und offen gesagt fühlt sich das wie die aufregendste Phase seit dem ChatGPT-Moment im November 2022 an. Nur diesmal geht es nicht darum, was KI sagt. Sondern was sie tut.
Studio Christos ✺ KI Kreative Intelligenz