Ich habe Programmieren gelernt. Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, drei Jahre Code, Logik, Systemarchitektur. Und dann bin ich in eine komplett andere Richtung gegangen.
Weil mich etwas anderes mehr fasziniert hat: die Magie, ein Programm durch eine intuitive Benutzeroberfläche lebendig werden zu lassen. Nicht nur bauen, sondern verstehen, warum etwas funktioniert – und warum etwas nervt. Also habe ich eine zweite Ausbildung gemacht, Mediendesign, und bin seit 2009 UX-Designer. Heute verbinde ich beides: Ich verstehe, wie Entwickler denken, und ich weiß, wie Designer arbeiten. Beide Welten sprechen verschiedene Sprachen. Ich spreche beide.
Warum ich das erzähle? Weil die Frage "Wird künstliche Intelligenz Programmierer ersetzen?" mich persönlich betrifft. Nicht nur als jemand, der täglich mit KI arbeitet. Sondern als jemand, der Entwickler kennt – viele, seit Jahren, aus Projekten, aus Teams, aus Gesprächen beim Feierabendwein. Und ich sehe, dass die Frage sie beschäftigt. Mehr, als die meisten zugeben.
Der Taschenrechner-Moment
Es gibt einen Vergleich, der bei mir hängen geblieben ist: KI wird Programmieren lösen, wie Taschenrechner das Rechnen gelöst haben. Du tippst ein, was du brauchst, und bekommst das Ergebnis.
Kein Mensch rechnet heute noch komplexe Gleichungen von Hand. Und trotzdem haben Taschenrechner keine Mathematiker ersetzt. Sondern Mathematik zugänglicher gemacht.
Gleichzeitig sprechen viele von der Industrialisierung von Software. Dem Moment, in dem jeder Mensch Software erstellen kann. Keine IDE, kein Informatik-Studium, kein Stack Overflow um 2 Uhr nachts. Einfach beschreiben, was du willst, und die KI baut es. Egal ob auf Deutsch, Englisch oder Griechisch.
Klingt nach Sci-Fi. Fühlt sich im Alltag erstaunlich normal an.
Aber – und das ist der Teil, den die Hype-Maschine gerne auslässt – künstliche Intelligenz ist "jagged": hervorragend in manchen Dingen, erschreckend schlecht in anderen. Nicht glatt und perfekt, sondern voller Zacken.

Ich kann das bestätigen. Claude Code hat mir eine Landing Page gebaut. Struktur, Copy, alles aus einem Briefing. Das Ergebnis sah auf den ersten Blick gut aus. Auf den zweiten Blick? Hat die KI mir eine Seite gebaut, die kein Mensch freiwillig bis zum Ende scrollen würde. Drei Call-to-Actions übereinander, kein visueller Rhythmus, null Hierarchie. Technisch sauber, aus UX-Sicht eine Katastrophe. Mit meiner Erfahrung seit 2009 sehe ich das in zwei Sekunden. Die KI sieht es bis heute nicht.
Das ist der aktuelle Stand: Beeindruckend und frustrierend im selben Atemzug.
Was sich wirklich verändert (und was nicht)
Was ich als jemand beobachte, der von der Programmierung kommt, aber seit Jahren als UX-Designer und Gründer mit KI baut:
Was KI beim Programmieren schon gut kann:
- Websites und Prototypen aus natürlicher Sprache bauen
- Bekannte Probleme lösen, die tausendfach dokumentiert sind
- Code erklären, den du nicht geschrieben hast
- Schnelle Automationen und Skripte erstellen
Was KI beim Programmieren (noch) nicht kann:
- Große, gewachsene Code-Basen wirklich verstehen
- Kreative Architektur-Entscheidungen treffen
- Wissen, wann etwas „gut genug" ist versus wann es elegant sein muss
- Den Kontext eines Produkts verstehen, nicht nur den Code
Die Entwicklung geht klar in eine Richtung: Programmierer werden sich mehr in Richtung Systemdesign und Zielsetzung bewegen. Weniger "schreib die Funktion", mehr "definiere, was das Produkt tun soll". Weniger Handwerk, mehr Regie.
Ich kenne Software-Entwickler, die sich genau das fragen: Wenn künstliche Intelligenz irgendwann alles für mich programmiert, fühle ich mich dann noch erfüllt? Bin ich noch stolz auf das, was ich baue? Oder bin ich nur noch derjenige, der einer Maschine sagt, was sie tun soll, acht Stunden am Tag?
Ich finde diese Frage ehrlicher als jede Arbeitsmarkt-Prognose.
Was das für Leute wie mich bedeutet
Ich habe wenighair aufgebaut, ohne eine Zeile Backend-Code selbst zu schreiben. KI war dabei nicht mein Programmierer-Ersatz, sondern mein Übersetzer. Ich wusste, was ich wollte. Ich konnte es beschreiben. Und KI hat es in Code übersetzt, den ich alleine nicht mehr hätte schreiben wollen.
Das ist ein wichtiger Unterschied: nicht „nicht können", sondern „anders können". Meine Ausbildung als Fachinformatiker hat mir etwas gegeben, das kein Prompt-Tutorial der Welt ersetzt: Ich verstehe, was unter der Haube passiert. Wenn Claude Code mir etwas ausspuckt, kann ich einschätzen, ob das Sinn macht oder Müll ist. Nicht weil ich den Code Zeile für Zeile lese, sondern weil ich die Logik dahinter gelernt habe. Vor zwanzig Jahren, mit Stift und Papier und Prüfungsangst.
Du hast immer noch die Kontrolle. Die KI nimmt sie dir nicht. Sie ist ein Werkzeug. Du sagst ihr, was sie tun soll. Nicht andersherum.
Das ist der Punkt, den die ganze "KI ersetzt Programmierer"-Debatte verfehlt. Es geht nicht um Ersetzen. Es geht um Verschieben:
- Wer heute nur Code schreibt, ohne zu verstehen warum, hat ein Problem
- Wer versteht, was gebaut werden soll, und KI als Werkzeug nutzt, hat einen Vorteil
- Wer beides kann – denken und bauen – hat die Zukunft
Vermutlich wird es irgendwann einen "superhuman coder" geben, wie es der AI2027-Report prognostiziert. Die ursprüngliche Vorhersage war 2027. Inzwischen wurde sie auf 2031 verschoben. Solche Zeitpläne nehme ich mit Vorsicht. Die KI-Welt hat mich gelehrt, dass Prognosen das Erste sind, was bricht.

Was ich weiß: Heute, jetzt, kann ich mehr bauen als je zuvor. Nicht, weil ich programmieren gelernt habe. Sondern weil ich programmieren gelernt und dann etwas anderes gewählt habe. Und diese Kombination, Logik plus Gestaltung plus künstliche Intelligenz, ist genau der Grund, warum ich mich auf die Zukunft freue, statt sie zu fürchten.
Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz. Sie ist ein Upgrade.
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