Freitagnachmittag, 17. April. Anthropic launcht Claude Design. Ein Tool, das aus Text-Prompts fertige Prototypen, Pitchdecks und Landing Pages zaubert und dabei die Codebase gleich mitliest. Die Figma-Aktie fällt um sechs Prozent. Auf Hacker News streiten sich Designer und Entwickler, ob das jetzt der Anfang vom Ende ist.

Ich mache Design seit 2009. Eigentlich wäre jetzt der perfekte Moment für eine gepflegte Berufs-Panik. Ein bisschen dramatisch aufs Meer schauen, innerlich „War es das?“ flüstern, vielleicht noch Figma im Dunkelmodus öffnen wie eine Grabkerze.

Mache ich aber nicht.

Das Ding ist: Ich finde die Frage, die gerade durchs Netz wandert, falsch gestellt. „Wird KI, Designer ersetzen?" diese Frage ist mittlerweile so alt wie mein erstes MacBook. Und sie verfehlt genau das, was gerade wirklich passiert.

Die Frage, die ich mir nicht mehr stelle

Auf Hacker News hacken Designer auf Claude Design ein, mit dem „AI slop"-Vorwurf: homogene Cards, abgerundete Ecken, immer der gleiche Dunkelmodus. Ein User schreibt sinngemäß, das Tool produziere kompetente Oberflächen ohne Seele.

Das ist echt. Das ist menschlich. Und trotzdem, wir diskutieren am Punkt vorbei.

Denn was ich sehe, wenn ich Claude Design öffne, ist nicht „Ersatz für mich". Es ist ein Werkzeug, das Dinge kann, die ich mir vor zwei Jahren nicht hätte vorstellen können:

  • Es liest den Codebase eines Teams und baut daraus automatisch ein Design-System
  • Es exportiert direkt nach Canva, PPTX oder HTML. (Figma bewusst weg gelassen?!)
  • Es reicht Prototypen nahtlos an Claude Code weiter
  • Es läuft auf Opus 4.7, dem Modell, das diese Woche fast nebenbei rauskam, mit adaptivem Thinking, das selbst entscheidet, wann es tiefer nachdenkt

Ich weiß nicht, ob das noch „Design" im klassischen Sinne ist. Vermutlich nicht. Ist mir aber auch egal.

Studio Christos Zitat: Was gestern Zukunft war, ist heute mein Donnerstag. Über den KI-Alltag im Design.

Was gestern Zukunft war, ist heute mein Donnerstag

Ich lebe bereits in der Realität von morgen. Das klingt theatralisch, ich weiß. Ist es aber nicht. Es ist eher eine Beobachtung: Die Veränderung, über die alle spekulieren, ist mein Arbeitsalltag.

Ein kleiner Teaser, ohne zu viel zu verraten, weil noch Beta: Ich habe in Claude Design einen Entwurf gebaut, ihn direkt an Claude Code übergeben und in ein laufendes Projekt eingebaut. Was vor zwei Jahren ein Briefing, zwei Meetings und drei Abstimmungsschleifen gebraucht hätte, war in einer Stunde drin.

Das ist nicht „KI ersetzt mich". Das ist „ich arbeite anders".

Drei Dinge haben sich in meinem Alltag konkret verschoben:

  • Prototyping ist von etwa 60 Prozent meiner Arbeit auf vielleicht 20 geschrumpft
  • Dafür ist Entscheidungsarbeit gewachsen, was gebaut wird, was nicht, warum
  • Und die spannendsten Probleme sind jetzt systemisch, nicht visuell
Claude Design Interface mit Text "What will you design?" und Eingabemaske für KI-generierte Design-Prototypen.

Anthropic bringt in derselben Woche Opus 4.7 und Claude Design. Die drücken gerade jeden Tag eine neue Taste und rufen „Hat jemand die Pause-Taste gesehen?". Das ist beeindruckend und erschöpfend zugleich.

Aber der Punkt ist nicht, dass Anthropic gerade auf einem Rausch ist. Der Punkt ist, dass die Frage „Was, wenn?" für Menschen wie mich seit einer ganzen Weile keine Rolle mehr spielt. Ich stelle mir diese Frage nicht mehr. Weil ich sie nicht stellen kann, wenn das „Was" bereits „Jetzt" ist.

Die spannendere Frage ist, was bleibt übrig, wenn Ausführung plötzlich keine Superkraft mehr ist? Für mich ist die Antwort ziemlich klar. Urteil. Richtung. Geschmack. Die Fähigkeit, aus zehn möglichen Dingen das eine Richtige zu wählen. Nicht noch ein hübsches Interface zu bauen, das aussieht wie jedes andere, nur mit ein bisschen mehr Radius und dem üblichen AI-Slop-Lippenstift drauf.

Natürlich weiß ich nicht, wohin das alles führt. Niemand weiß das. Und die Designer:innen, die jetzt umschulen oder die Branche verlassen, ich verstehe sie. Wirklich.

Aber ich merke für mich: Panik ist kein Plan. Anpassung auch nicht, wenn sie nur aus Angst kommt. Was funktioniert, ist Neugier. Die leise Art, nicht die laute. Die, die fragt, wie das Ding wirklich läuft, statt sich davor zu fürchten.

Ich habe keine Angst vor künstlicher Intelligenz. Und ich baue gerade Dinge, die ich vor drei Jahren nicht hätte bauen können. Nicht trotz KI. Sondern mit ihr. Ich glaube eher, dass viele von uns noch mitten in dem Umlernen stecken, was unseren Wert eigentlich ausmacht, wenn Pixel schieben plötzlich nicht mehr der Hauptteil des Jobs ist.

Genau das ändert sich gerade. Und offen gestanden, ich finde das nicht nur anstrengend. Ich finde es auch ziemlich nice.

Studio Christos

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